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 Handbuch:  Thema: Lebensqualität

 Handlungsfelder zum Thema: Lebensqualität  
 

Handlungsfeld Förderung der Sicherheit

Kurz gesagt: Sicherheit ist ein Grundbedürfnis aller Menschen und hat viele Facetten: Soziale und wirtschaftliche Sicherheit, Sicherheit im Verkehr, Sicherheit im öffentlichen Raum, Sicherheit vor Umweltgefahren und -katastrophen. Im Zusammenhang mit nachhaltiger Gemeindeentwicklung kommt häufig die Sicherheit im öffentlichen Raum sowie im Verkehr zur Sprache. Beiträge von Gemeinden zur Förderung der Sicherheit oder des Sicherheitsgefühls der Bevölkerung sind mit unterschiedlichem Aufwand möglich.

 

Subjektive und objektive Sicherheit

Die Risikoforschung hat gezeigt, dass Sicherheit ein Thema ist, bei dem ExpertInnen und Laien besonders diskrepante Wahrnehmungen haben, z.B. was die Sicherheit von Kernkraftreaktoren betrifft. Auch wenn es um die Sicherheit im öffentlichen Raum geht, klaffen subjektive Wahrnehmung und objektive Lage häufig weit auseinander. Sichtbare soziale Randgruppen (z.B. Punks, Bettler etc.) erwecken bei vielen Menschen ein Gefühl von Unsicherheit, auch wenn sie friedlich sind und keine strafbaren Handlungen begehen. Manche Schweizer Städte werden von ihren BewohnerInnen als gefährlich eingeschätzt, obwohl sie aufgrund von Statistiken zu den weltweit sichersten Orten gezählt werden müssen. Der Strassenverkehr hingegen, der mit Abstand mehr Opfer fordert als verschiedene Gewalteinwirkungen, rangiert häufig nicht zuoberst, wenn über Sicherheit diskutiert wird.

Da die Lebensqualität von BewohnerInnen nicht nur durch „objektive“ Sicherheit, sondern auch sehr durch das subjektive Sicherheitsempfinden beeinflusst wird, sollten bei einer Projektplanung beide Sichtweisen ihren Platz haben. Im Allgemeinen sind in diesem Handlungsfeld partizipative Methoden wie Zukunftswerkstätten und Fokusgruppen angebracht. BürgerInnen sollten sich beteiligen, weil sie ein Controlling erlauben, ob die tatsächlichen Bedürfnisse möglichst gut abgedeckt werden, und um gemeinsam mit ExpertInnen einen Ideenpool für Projekte zu generieren, die in einem guten Aufwand-Ertrags-Verhältnis stehen und in der Bevölkerung gute Akzeptanz-Chancen haben.

 

Sozialpolitische statt polizeiliche Lösungen

Bei solchen partizipativen Veranstaltungen muss aber auch beachtet werden, dass das Thema Sicherheit eine hohe öffentliche Wirksamkeit hat und deshalb gerne von verschiedenen Akteuren für emotional hochgeladene Debatten missbraucht wird. Es besteht die Gefahr, dass an Veranstaltungen nur jene Personen zu Wort kommen, die sich mit grosser Angst im öffentlichen Raum bewegen, oder aber jene, die das Thema Sicherheit vorschieben, um gegen Ausländer oder Jugendliche Politik zu machen. Schnell wird der Ruf nach mehr Polizei und härteren Strafen laut. Solche Lösungen sind aber nur in den wenigsten Fällen angebracht. Ängste der Bevölkerung sind ernst zu nehmen, aber auch differenziert zu analysieren: Oft haben die Furchtgefühle nicht direkt mit den Personen und Situationen zu tun, die als angsteinflössend betrachtet werden, sondern gründen in einer allgemeinen Unsicherheit. Diese wiederum kann vielfältige Ursachen haben, z.B. finanzielle Probleme, Arbeitslosigkeit, fehlende soziale Netze, Zukunftsängste etc. Solchen Ursachen ist eher mit sozialpolitischen und sozialarbeiterischen als mit polizeilichen Lösungen zu begegnen.

 

Kriminalität

Vielschichtige persönliche und soziale Faktoren führen dazu, dass jemand eine kriminelle Handlung begeht. Eine Gemeinde kann diesen Faktoren nicht ohne weiteres entgegenwirken – sie kann aber dafür sorgen, dass sich ihre Bürgerinnen und Bürger wohlfühlen, dass ihnen Zukunftsperspektiven eröffnet werden, dass sie in einem gesunden Umfeld leben etc. Eine ganzheitliche soziale Integration ist von grosser Bedeutung: Alle EinwohnerInnen – unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Leistungsfähigkeit, ihrer Gesundheit – sollen die Möglichkeit haben, eine Ausbildung zu absolvieren, einer Beschäftigung nachzugehen, politisch zu partizipieren, sich bei persönlichen Problemen an eine kompetente und neutrale Stelle zu wenden etc. Massnahmen zur Förderung dieser Chancengleichheit verringern die Kriminalität längerfristig mehr als zusätzliche Mittel für die Polizei.

Abgesehen von persönlichen und sozialen Faktoren spielen bei der Entstehung von Kriminalität auch Gelegenheitsstrukturen eine Rolle: Ein von Anonymität geprägtes Umfeld verleitet eher zu kriminellen Handlungen. Die Gestaltung der räumlichen Umwelt (Anordnung, Übersichtlichkeit, Platzverhältnisse, Angebote, sich an einem Platz aufzuhalten, Beleuchtung etc.) kann soziale Kontakte, soziale Kontrolle und sozialen Zusammenhalt fördern oder einschränken. So besteht für die Gemeinde die Möglichkeit, durch räumliche Massnahmen soziale Prozesse anzuregen, die dazu führen, dass die Gelegenheiten für kriminelle Handlungen vermindert werden. Beim Erstellen und Umgestalten von Infrastruktur und Gebäuden kann die Gunst der Stunde genutzt werden, um wohn- und umweltpsychologische Beratung frühzeitig in den Planungsprozess einzubeziehen.

Die Wirksamkeit rein räumlicher Massnahmen ist allerdings umstritten – da die Ursachen der Kriminalität komplexer sind, reicht es in der Regel nicht aus, ihnen durch die Umgestaltung von Räumen und Gebäuden zu entgegnen. In Kombination mit integrationsfördernden sozial- und bildungspolitischen Massnahmen stellen solche räumlich-planerische Massnahmen aber sicher einen vielversprechenden Ansatz dar. Bei Umgestaltungen oder Renovationen von Plätzen oder ganzen Quartieren muss immer auch bedacht werden, dass dadurch möglicherweise bestimmte Gruppen verdrängt werden. Eine Gruppe Drogenabhängiger z.B. hat in einem neu gestalten und belebten Park keinen Platz mehr und muss sich andere Orte suchen. Diese Verdrängung mag zwar mitunter das Ziel einer Umgestaltung sein, sollte aber nicht als Lösung für die Drogenproblematik betrachtet werden. Auch wenn die Gruppe vorübergehend aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden ist, so gibt es sie immer noch – soziale Probleme können nie bloss mit räumlichen Massnahmen gelöst werden.

 

Phase A: Vorbereitung – wie fangen wir es an?

 Wegmarken Phase A

Bei Problemen der Sicherheit ist die Wahrnehmungsfähigkeit und die Bewertungskompetenz in der breiten Bevölkerung relativ gross. Es muss aber beachtet werden, dass verschiedene Situationen je nach Person ganz unterschiedlich bewertet werden können: Während die einen die Graffitis an den Wänden als Zeichen einer unsicheren und verwahrlosten Stadt wahrnehmen, bilden sie für die anderen ein nicht wegzudenkendes Phänomen des Stadtlebens. Um regelrechte „Sicherheitspaniken“ zu vermeiden, ist eine sachliche und nüchterne Darstellung der Situation notwendig.

Förderungsbedürftig ist die Bewältigungskapazität, das Handlungswissen und damit verbunden die Überzeugung, mit dem eigenen Handeln etwas ausrichten zu können. Hierzu können z.B. leicht kommunizierbare Nachhaltigkeitsindikatoren dienen (>>  Indikatoren entwickeln). Die Bewältigungskapazität kann auch durch konkrete Massnahmen gefördert werden, z.B. indem der Bevölkerung aufgezeigt wird, wie die Häuser wirksam vor Einbrüchen geschützt werden können.

 

Phase C: Analyse – wo stehen wir?

 Wegmarken Phase C

Um wirklich langfristig wirksam zu sein, muss ein Projekt in diesem Handlungsfeld bereits bei der Analyse des Ist-Zustands die Gefahr einer drohenden Problemverlagerung beachten: Verkehr muss nicht umgeleitet, sondern verändert werden, kriminelle Handlungen sollen nicht um die Ecke verlagert, sondern durch wünschbarere Handlungsoptionen ersetzt werden.

Als Nachhaltigkeitsindikatoren für den Bereich Sicherheit können bestehende Statistiken herbeigezogen werden. Im Bereich Verkehrssicherheit bieten sich die Zahlen der Unfallopfer an. Im Bereich Kriminalität ist Vorsicht geboten im Umgang mit Statistiken: Die meisten dieser Zahlen beruhen auf der sogenannten „polizeilichen Kriminalstatistik“. Diese ist eine reine Anzeigenstatistik, d.h. sie misst die Anzahl Anzeigen und nicht die effektiven Verurteilungen – darin sind also auch jene Anzeigen enthalten, die sich später als nicht gerechtfertigt erweisen. Diese Statistiken sind auch sehr anfällig auf Veränderungen in der polizeilichen Arbeit: Wenn bspw. eine Aktion gegen Drogendealer durchgeführt wird, so lässt dies die Anzeigenstatistik massiv steigen.

Für die Kommunikation mit betroffenen Akteuren (z.B. Anwohner von verkehrsintensiven Strassen) braucht es Indikatoren, welche direkt mit der Problemwahrnehmung und -bewertung assoziiert werden. Partizipative Verfahren können zur Generierung solcher Indikatoren und Evaluationskriterien dienen und ermöglichen ein schrittweises Monitoring. Letzteres ist nicht zuletzt deshalb von Interesse, weil die grösste Gefahr bei der Evaluation darin liegt, diese zu früh abzuschliessen.

 

Phase D: Strategie – wer macht was wann?

 Wegmarken Phase D

Nebst Geboten und Verboten eignet sich in diesem Handlungsfeld die Anwendung sogenannter Infrastrukturinstrumente (>> Instrumente und Massnahmen auswählen). Diese sollten so gestaltet sein, dass sie erwünschte Handlungsoptionen nahe legen und nicht bloss unerwünschte Handlungsoptionen verschliessen. Dadurch sinkt die Gefahr der Problemverlagerung. Im Bereich Infrastrukturen sind z.T. Ressourcenzuschüsse von Kanton, Bund und evtl. Stiftungen möglich (>> LA21 – Zuständigkeiten in der Schweiz).

Auch Kommunikationsinstrumente sind in diesem Bereich von Bedeutung (z.B. Verkehrssicherheitskampagnen, Kampagnen gegen Einbrüche und Diebstähle). Sie tragen einerseits zur objektiven Sicherheit bei, indem sie kriminelle oder gefährliche Handlungen tatsächlich erschweren, andererseits sind sie aber auch wichtig für die subjektive Wahrnehmung der Sicherheit, denn sie erhöhen die Bewältigungskapazität der Betroffenen. Wer weiss, wie er/sie selber etwas zur eigenen Sicherheit beitragen kann, fühlt sich vermutlich weniger hilflos und damit sicherer.

 

Linkverzeichnis

 

Literaturverzeichnis

  • Glatt, Anita & Osswald, Bettina (1998): Mehr Sicherheit im öffentlichen Raum. Was wir tun können, damit sich die Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner sicherer fühlen. Basel: Baudepartement Basel-Stadt.
  • Stadt Zürich (2006): Strassenverkehrsumfälle. Entwicklung 2002 bis 2004.
    Analysen zu den Strassenverkehrsunfällen in der Stadt Zürich.
    »Download Stadt Zürich_2006 (pdf; 934kB)


 Weiteres dazu im
 Handbuch

 Links

 Dokumentinformationen
  • Autorin: S. Bruppacher
  • Erstellt:
    19. Oktober 2004
  • Redaktorin: K. Gasser
  • Dokumententyp: Handlungsbereiche