Handbuch: Thema: Verkehr und Mobilität
Handlungsfeld Gestaltung von Hauptstrassenräumen
Kurz gesagt: Hauptstrassen in kleineren und mittleren Gemeinden waren lange Zeit von den Interessen des motorisierten Durchgangverkehrs geprägt. Im Sinne einer nachhaltigen Verkehrsentwicklung hat ein Umdenken stattgefunden: Hauptstrassenräume werden vielerorts so umgestaltet, dass alle Verkehrsteilnehmenden nebeneinander Platz finden. Diese attraktiven Räume sollen die Ortschaften als Einkaufsorte beleben.
Multifunktionaler Strassenraum
Strassenräume und insbesondere Ortsdurchfahrten in kleineren und mittleren Gemeinden müssen einer Vielzahl von Funktionen Rechnung tragen. Sie sind Durchgangskorridore, Einkaufs- und Freizeiträume, Wohnorte, Schulwege und wesentliche Bestandteile des Ortsbildes. Lange prägten die Interessen des Autodurchgangsverkehrs das Gesicht solcher Strassenräume. In den letzten Jahren hat hier ein Umdenken stattgefunden: Strassenräume wurden vielerorts im Zeichen der Koexistenz aller Verkehrsteilnehmer umgestaltet.
Verringerung der negativen Nebenwirkungen des motorisierten Verkehrs
In der Regel wird die Verkehrsmenge bei solchen Umgestaltungsprojekten bewusst nicht verkleinert. Ziel ist vielmehr, den Verkehrsfluss auf tieferem Geschwindigkeitsniveau zu verstetigen. Dies verlängert durchschnittliche Reisezeit der Autofahrer nicht, bringt dafür aber für die anderen Personen im Strassenraum Vorteile in Bezug auf Sicherheit, Überquerbarkeit, Luftreinhaltung und Lärmschutz. Gleichzeitig gelingt es auch, den Energieverbrauch der Fahrzeuge – und damit die CO2-Emissionen – wesentlich zu senken. Die negativen Nebenwirkungen des motorisierten Verkehrs werden somit verringert.
Aussenräume für die lokale Bevölkerung
Als weiteres Ziel streben die meisten Umgestaltungsprojekte an, attraktive Aussenräume für die lokale Bevölkerung zu schaffen. Dies nicht zuletzt, um die Ortschaften als Einkaufsorte zu beleben und so dem Sog der Einkaufszentren ausserhalb der Ortskerne zu widerstehen. In jedem Fall erwies es sich für die Akzeptanzschaffung, aber auch für die Projektoptimierung als zwingend notwendig, dass recht aufwändige Partizipationsverfahren zur Anwendung kamen. Als besonders erfolgreich erwies sich das sogenannte „Berner Modell“. Dabei arbeiten die Verkehrsexperten während des ganzen Planungsprozesses eng mit den lokalen Betroffenen zusammen. Ziel ist das gemeinsame Erarbeiten eines Projektes, das die Betroffenen (auch) als ihr eigenes betrachten (>> Nachhaltigkeit – weshalb partizipativ).
Phase A: Vorbereitung – wie fangen wir es an?
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Erfahrungsgemäss stossen Umgestaltungsprojekte oft auf die Opposition des lokalen Gewerbes, dem in erster Linie die gute Erreichbarkeit ihrer Lokale am Herzen liegt. Die meisten Erfahrungen zeigen aber auch für das Gewerbe positive Wirkungen solcher Projekte. Durch den frühzeitigen Einbezug von Gewerbevertretern und durch eine genügende Anzahl Kurzzeitparkplätze, die nahe bei den Geschäftslokalen liegen, kann dieser Opposition oft wirkungsvoll begegnet werden. Das Problembewusstsein in der Bevölkerung ist in diesem Bereich erfahrungsgemäss relativ gross. Die Missstände sind in der Regel offensichtlich und werden kaum bestritten. Wichtig ist, zeigen zu können, dass es auch anders geht. Eine Begehung neuralgischer Punkte während der Hauptverkehrszeit und eine Besichtigung bereits anderswo realisierter Erfolgsbeispiele – am besten gemeinsam mit vermuteten Kritikern – dürfte die Problemwahrnehmung zusätzlich schärfen und kann gleichzeitig als Partizipationsmassnahme verstanden werden. |
Phase C: Analyse – wo stehen wir?
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Obwohl es sich bei den Hauptstrassen meist um Kantonsstrassen handelt, können Gemeinden erfahrungsgemäss bei der Planung eine zentrale Rolle spielen, wenn sie sich frühzeitig und mit dem nötigen Nachdruck in die Planung einbringen. Eine ganze Reihe von Kriterien und Indikatoren bieten sich an. Besonders wichtig scheinen die Kriterien Trennwirkung (Indikatoren: Wie viele Personen queren die Hauptstrasse vor und nach der Umgestaltung, wie lange ist die durchschnittliche Wartezeit?) und Aufenthaltsqualität (Indikatoren: Einkaufshäufigkeit, städtebauliche Integration usw.).
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Phase D: Strategie – wer macht was wann?
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Die Projekte müssen nachweislich zu einer Verbesserung für die lokalen Bevölkerung führen und die lokale Identität stärken. Das Hauptgewicht liegt also hier bei der sozialen Dimension von Nachhaltigkeit. |
Phase E: Evaluation – was haben wir erreicht?
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Die Indikatoren zur Trennwirkung (Anzahl Personen, die die Hauptstrasse vor und nach der Umgestaltung queren; durchschnittliche Wartezeit) und zur Aufenthaltsqualität (Einkaufshäufigkeit; städtebauliche Integration usw.) lassen sich mit verhältnismässig geringem Aufwand evaluieren (vgl. Berz, Hafner + Partner, IKAÖ, 2002). |
Literaturverzeichnis
- Hotz, Peter et al. (1994): Renaissance des städtischen Hauptstrassenraumes. Ansätze zur städtebaulichen Integration des Verkehrs. Nationales Forschungsprogramm 25 Stadt und Verkehr, Bericht 59. Zürich: NFP Stadt und Verkehr.
Umfassendes und klar gegliedertes Übersichtswerk, geeignet auch zum Einstieg in die Thematik.
- Berz, Hafner + Partner & Interfakultäre Koordinationsstelle für Allgemeine Ökologie der Universität Bern (2002): Nachhaltigkeit und Koexistenz in der Strassenraumplanung. SVI -Forschungsauftrag 44/99. Zürich.
Der Bericht analysiert und evaluiert realisierte Fallbeispiele (Baar, Buchs, Murten, La Tour-de-Trème, Corminboeuf, Visp, Wabern). Nebst der technischen Lösung wird dabei auch der Planungsprozess in die Untersuchung einbezogen. Für die Beurteilung wurde ein einfach anzuwendender und auch für die Planung
- Strassen und Brückendepartement des Kantons Freiburg (2001): Mehr denn je.... Beruhigte Ortsdurchfahrten. Aufwertung des Strassenraums von Ortsdurchfahrten. Freiburg: Strassen und Brückendepartement.
Übersichtliche Darstellung gelungener Beispiele aus dem Kanton Freiburg. Bezug:valtraloc@fr.ch.
- Haefeli, Ueli et al. (2000): Zufrieden mit der neuen Strasse? Erfolgskontrolle Seftigenstrasse Wabern. Synthesebericht der Untersuchungen zur Sanierung und Umgestaltung der Seftigenstrasse in Wabern, Gemeinde Köniz bei Bern. Köniz: Gemeinde Köniz.
Bisher umfassendste Evaluation der Umgestaltung eines Hauptstrassenraumes (Seftigenstrasse in Wabern/Köniz). Darstellung des „Berner Modells“.