Handbuch: Thema: Verkehr und Mobilität
Verkehr und Mobilität
Kurz gesagt: Verkehrsprobleme stehen bei der Bevölkerung meistens weit oben auf der Prioritätenliste. Die Leitidee eines nachhaltigen Verkehrs ist ein friedliches Nebeneinander aller Verkehrsteilnehmenden. Vier Strategien können zu einem nachhaltigen Verkehr führen: Verkehrsvermeidung, Verkehrsverlagerung, Verkehrsablauf-Optimierung und Verkehrsmittel-Optimierung.
Ein wichtiges Thema...
Verkehr und Mobilität sind zentrale Themen in jedem LA21-Prozess. Der Anteil des Verkehrs an den CO2-Emissionen nimmt ständig zu und hat mittlerweile einen Drittel erreicht. Unerwünschte Nebenerscheinungen des Verkehrs können die lokale Lebensqualität schwerwiegend beeinträchtigen (v.a. Unfälle, Luftbelastung, Lärm). Besondere Probleme schafft die Autodominanz, die vor allem ausserhalb der grossen Zentren zunimmt. Sie fördert die Zersiedelung der Landschaft und erhöht damit den Druck auf naturnahe Gebiete. Ausserdem beeinträchtigt sie die Konkurrenzfähigkeit der anderen Verkehrsmittel, die aus einer Nachhaltigkeitsoptik in der Regel zu bevorzugen sind: Autos stellen zunehmend eine Gefahr dar für den Fuss- und Veloverkehr, blockieren den öffentlichen Verkehr in Staus usw. Und nicht zuletzt belastet die Autodominanz das Budget der öffentlichen Hand durch zunehmende Infrastrukturkosten enorm (grössere Ver- und Entsorgungsnetze).
Die momentan aktuellste Übersicht über die Nachhaltigkeitsaspekte dieses Themas wurde im Rahmen des Nationalen Forschungsprojektes 41 „Verkehr und Umwelt“ erarbeitet. Daraus wird klar, dass mit den bisher ergriffenen Massnahmen im Verkehrsbereich keine Entwicklung in Richtung Nachhaltigkeit eingeleitet werden konnte. Im Gegenteil scheint der Handlungsbedarf überdurchschnittlich gross. Gleichzeitig besteht kaum Konsens, mit welchen Schritten ein Nachhaltigkeitspfad angestrebt werden soll. Empfohlen wird, einen verstärkten Zielfindungsprozess anzuregen (>> Vision und Leitbilder erarbeiten). Dabei sollen lokale Initiativen und Innovationen eine herausragende Rolle spielen.
... und ein heisses Eisen
Verkehrsprobleme stehen fast überall weit oben auf der Prioritätenliste der Bevölkerung. Insofern sind die Voraussetzungen für das Gelingen kommunalpolitischer Initiativen günstig. Allerdings gehen erfahrungsgemäss die Meinungen über die zu ergreifenden Massnahmen weit auseinander. Zudem werden die für eine Entwicklung in Richtung Nachhaltigkeit notwendigen Schritte noch immer als unerwünschte Einschränkungen unserer Mobilität wahrgenommen und stossen deshalb auf geringe Akzeptanz. Dies führt dazu, dass die Schaffung stabiler Mehrheiten auf der Ebene der Massnahmen oft schwierig ist. Deshalb zeigt sich bei LA21-Prozessen häufig eine gewisse Hilflosigkeit im Umgang mit Verkehrsproblemen.
Verkehrspolitische Grundstrategien und Instrumente
Es werden grundsätzlich die folgenden vier politischen Strategien für einen nachhaltigen Verkehr unterschieden:
- Verkehrsvermeidung: Diese Strategie zielt darauf, dass insgesamt weniger Personen- und Tonnenkilometer zurückgelegt werden. Damit wird vor allem an Nachhaltigkeitsziele im ökologischen Bereich ein grosser Beitrag geleistet.
- Verkehrsverlagerung: Die Zahl der zurückgelegten Kilometer wird nicht beeinflusst. Die Nachhaltigkeitsziele sollen durch eine Verlagerung des Verkehrs auf umweltfreundlichere, effizientere, sichere usw. Verkehrsmittel erreicht werden.
- Verkehrsablauf-Optimierung: Die Zahl der zurückgelegten Kilometer wird nicht beeinflusst. Nachhaltigkeit wird durch weniger Immissionen/km, beispielsweise durch niedere Geschwindigkeit und Verstetigung des Verkehrsflusses angestrebt.
- Verkehrsmittel-Optimierung: Die Reduktion der Belastung soll durch verbesserte Technik erreicht werden.
Kombinationen mehrerer Strategien sind selbstverständlich möglich und sinnvoll.
Zur Umsetzung dieser Ziele eignen sich für Gemeinden besonders die folgenden Instrumente:
Koexistenz als Leitidee
Der Begriff der „Koexistenz“, des friedlichen Nebeneinanders aller Verkehrsteilnehmenden, eignet sich gut als Leitidee für den Bereich Verkehr im Rahmen einer LA21. Er nimmt Elemente aller wichtigen Handlungsfelder auf und betont den Einbezug der Betroffenen in den laufenden Partizipationsprozess (>> Nachhaltigkeit – weshalb partizipativ).
Zuständigkeiten
Generell werden aus naheliegenden Gründen wichtige verkehrspolitische Rahmenbedingungen auf der Ebene Bund und Kantone geregelt oder sind gar Bestandteil internationaler Vereinbarungen (Flugverkehr, Gütertransit usw.). Trotzdem ist der Handlungsspielraum der Gemeinden beträchtlich. So können sie den Verkehr auf dem Netz der Gemeindestrassen sehr stark beeinflussen. Die Erfahrung zeigt darüber hinaus, dass Bund und Kantone nur selten gegen einen klar artikulierten Willen der lokalen, betroffenen Bevölkerung handeln, sondern ihre Steuerungskompetenz wenn schon eher durch Anreize in Form von Finanzbeiträgen an lokale Projekte wahrnehmen Zu erwähnen sind hier in erster Linie:
- Das Programm EnergieSchweiz des Bundesamts für Energie (BfE)
- Beiträge des Bundesamts für Umwelt-, Wald und Landschaft (BUWAL) an Infrastrukturprojekte, welche einen Beitrag zur Luftreinhaltung und zum Lärmschutz leisten
- Der Aktionsplan Umwelt und Gesundheit des Bundesamts für Gesundheit (BAG)
- Die meisten Kantone, aber auch Verbände und Stiftungen leisten zusätzliche Beiträge an innovative Projekte (meistens über die für Umwelt und Energie zuständigen Ämter, teilweise aus eigens dafür geschaffenen Fonds).
(>> LA21 – Zuständigkeiten in der Schweiz, >> Finanzierung sicherstellen)
Handlungsfelder
Für dieses Kompendium wurden die folgenden vier Handlungsfelder vertieft:
- Förderung des Fuss- und Radverkehr
- Förderung des öffentlichen Verkehrs
- Verkehrsberuhigung
- Gestaltung von Hauptstrassenräumen
Selbstverständlich gäbe es weitere wichtige Handlungsfelder (z.B. Mobilitätsberatung von Unternehmen und Individuen), die in diesem Kompendium nicht behandelt werden. Die Aktivitäten in den einzelnen Handlungsfelder sind unbedingt im Rahmen eines umfassenden Mobilitätsmanagements zu koordinieren, wobei aber darauf geachtet werden sollte, dass initiative Gemeindebürgerinnen und -bürger nicht durch unnötige bürokratische Hürden gebremst werden.
Linkverzeichnis
- http://www.snf.ch/D/forschung/Forschungsprogramme/abgeschlossen/Seiten/
_xc_nfp41.aspx
Die Website des Nationalen Forschungsprogramms „Umwelt und Verkehr“ enthält Kurzfassungen der verschiedenen Berichte.
- http://www.mobilservice.ch
Internetplattform für Aktive im Mobilitätsmarkt. Über Mobilservice werden Profis im Mobilitätsmarkt und PolitikerInnen in der Verkehrsszene untereinander vernetzt und über aktuelle Marktentwicklungen informiert. Herzstück der Plattform sind aktuelle Dossierbeiträge und Foren für den Erfahrungsaustausch. Bedingung für die vollständige Nutzung der Plattform ist eine kostenlose, einmalige Online-Registrierung.
Literaturverzeichnis
- Brodmann, Urs & Spillmann, Werner (2000): Verkehr – Umwelt – Nachhaltigkeit. Standortbestimmung und Perspektiven. Teilsynthese des NFP 41 aus Sicht der Umweltpolitik mit Schwerpunkt Modul C. Bern: BBL/EDMZ.
Der Bericht fasst leicht verständlich die wichtigsten Ergebnisse des NFP 41 bezüglich Nachhaltigkeit im Verkehr zusammen.
- De Tommasi, Roberto & Arend, Michal (2000): Mobilitätsmanagement im Personenverkehr. Teilsynthese des Moduls A, NFP 41. Bern: EDMZ.
Es werden die wichtigsten Ergebnisse des NFP 41 zu den Themen Information, Beratung, Bewusstseinsbildung, Mobilitätserziehung, Verkauf und Reservierung sowie neue Mobilitätsdienstleistungen knapp und übersichtlich zusammengefasst.
- Kaufmann-Hayoz, Ruth et al. (2000): Strategie Nachhaltiger Verkehr. Schlussbericht C7, NFP 41. Bern: EDMZ.
Betont wird vor allem die fehlende Akzeptanz einer Nachhaltigkeitspolitik, weshalb die bewusste Lancierung eines Zielfindungsprozesses gefordert wird. Der Bericht weist auf die grosse Bedeutung der lokalen Ebene bei der Realisierung von innovativen Pilotprojekten hin.
- Ernst Basler und Partner AG (1998): Leitfaden Nachhaltigkeit im Verkehr. Materialienband M1 im Rahmen des NFP 41 Verkehr und Umwelt. Bern: EDMZ.
Der Leitfaden bietet Checklisten zur Prüfung der Nachhaltigkeit konkreter Verkehrsprojekte und eignet sich deshalb als einfacher Einstieg in eine Art Nachhaltigkeitsprüfung.
- Bundesamt für Statistik (Hrsg.) (1994): Lärm. Umweltstatistik Schweiz, Nr.1. Bern: Bundesamt für Statistik.
Der Bericht bietet gute Grundlagen und Anschauungsmaterial für die in den Einzelheiten oft zu wenig bekannt und generell unterschätze Lärmproblematik.
- Apel, Dieter et al. (Hrsg.) (1998): Handbuch der kommunalen Verkehrsplanung Bonn: Economica Verlag.
Dieses periodisch ergänzte Nachschlagewerk bietet eine Fülle von leicht lesbaren Artikeln zu allen wesentlichen Themen der kommunalen Verkehrsplanung. Allerdings können die deutschen Verhältnisse natürlich nicht eins zu eins auf die Schweiz übertragen werden.
- von Stockar, Thomas et al. (2001): Kantonale Richtplanung und Nachhaltige Entwicklung. Eine Arbeitshilfe. Bern: ARE.
Der Bericht von Ecoplan (2000) über Siedlungsentwicklung und Infrastrukturkosten zeigt eindrücklich: Zersiedelungstendenzen wirken kostensteigernd, ein flächiges Siedlungswachstum nach aussen verursacht im Vergleich zu einer Verdichtungsstrategie ein Vielfaches der Infrastrukturkosten.
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